Noch einmal Grenzburg

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs steht der Ludwigstein mit einem Mal wieder an einer Grenze. Die in Sichtweite gelegene Burg Hanstein befindet sich bereits in der sowjetischen Besatzungszone.

Die Überlebenden aus der alten Jugendbewegung finden den Ludwigstein nach dem Auszug der letzten Flüchtlinge 1946 "fast besenrein" ausgeräumt vor. Selbst die Fensterlaibungen mussten in der Not als Brennmaterial herhalten. Ausgeräumt und leer fühlen sich auch viele der Ludwigsteiner. Die Vielfalt der einstmals auf der Burg versammelten Jugendbünde lässt die Vielfalt der persönlichen Lebenswege erahnen. Viele sind im Krieg gefallen oder sitzen in Kriegsgefangenenlagern ein. Manch einer der Jugendbewegten hat sich vom Dritten Reich die Verwirklichung seiner Ideale erhofft, manch anderer hat gerade aus jugendbewegten Idealen heraus seinen Weg in den Widerstand gefunden, ist in einem Konzentrationslager zerbrochen oder emigriert. Und doch finden sich die älter gewordenen Jugendbewegten auf dem Ludwigstein wieder zu einer Gemeinschaft zusammen. Die Atmosphäre auf der Burg zwingt geradezu dazu, auch den Gegner in Ruhe anzuhören, und die Überzeugung des anderen zu achten, selbst wenn man sie nicht teilen kann.

1947 wird der Neuaufbau des Archivs beschlossen. Auch junge Gruppen gründen sich wie ehedem neu und legen offen ihre Bekenntnisse zur Burg der Jugendbewegung ab. Die Deutsche Jugend des Ostens wird 1951 von Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten auf dem Ludwigstein ins Leben gerufen, und im gleichen Jahr gibt sich der neu gegründete Bund Deutscher Pfadfinder auf der Burg eine Orientierung. In der Erklärung zum Bundesthing heißt es:

"An der Quelle der Kraft unserer Jugendbewegung haben wir die Einigkeit neuen deutschen Pfadfindertums den Jungen erfochten."

1953 schließlich entsteht auf der Sonnenkanzel unterhalb der Burg der Zugvogel, Deutscher Fahrtenbund, der nach den Erfahrungen des Krieges die absolute Gewaltlosigkeit in seine Statuten aufnimmt. Ihm schreibt Burgwart Walter Jantzen in seine Gründungschronik:

"Mit dem Ludwigstein beginnen heißt, Verantwortung zu tragen, mehr als der Durchschnitt vermag."

1955 – die Gruppen sind gerade mit dem Ausbau des Turms beschäftigt - erleben die Ludwigsteiner die Ankunft der letzten Spätheimkehrer aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft, die in einer langen Buskolonne auf dem Weg in das Grenzdurchgangslager Friedland unterhalb der Burg Rast machen. Jedoch die Grenze zwischen Ost und West wird immer undurchdringlicher. Auch auf dem Nordturm der Burg Hanstein ziehen Posten der DDR-Grenztruppen auf. Schon 1954 ist im Gedenkraum ein Ewiges Licht des Hessischen Jugendrings für die Einheit Deutschlands entzündet worden, das von da an bis zur Wiedervereinigung im Jahr 1990 brennen wird. 1961 – im Jahr des Mauerbaus – weiht der hessische Ministerpräsident Georg August Zinn den Kriegsopferfriedhof unterhalb der Burg ein, auf dem neben in Nordhessen gefallenen Soldaten auch Kriegsgefangene, Fremdarbeiter und Gestapo-Häftlinge ihre letzte Ruhestätte finden. Schon im Vorfeld haben deutsche, belgische und amerikanische Soldaten gemeinsam mit deutschen Jugendgruppen die Hauptzufahrt zur Burg als "Weg der Besinnung" neu angelegt. Der Ludwigstein bekommt neben seiner Rolle als Ehrenmal und Zentrum der Bünde eine weitere Bedeutung.

Zugleich entwächst der Vereinigung Jugendburg Ludwigstein eine neue Initiative mit dem Ziel, die Jugend Europas auf der Burg zusammenzubringen. Seit 1953 zeigt hier Jahr für Jahr der Arbeitskreis Europäische Jugendwochen die Einheit in Vielfalt der europäischen Kulturen. Bei Volkslied und Volkstanz und einem vielfältigen Programm gemeinsamer Werkstätten lernen sich Jugendliche aus unterschiedlichen europäischen Regionen kennen und achten.

Nachdem die Burg wieder instand gesetzt ist, wird zudem mit ihrer Erweiterung begonnen. Als erstes großes Gebäude entsteht der dreigeschossige Meißnerbau mit dem großen Saal und dringend benötigten Archivräumen, der 1963 – zur fünfzigsten Wiederkehr des Meißnertages von 1913 – eingeweiht wird. In der Folge des Meißnerlagers von 1963 wird auf der Burg der Ring junger Bünde gegründet.

Auf Initiative der Vereinigung Jugendburg Ludwigstein als eingetragenem Verein wird am 7.3.1970 die Stiftung Jugendburg Ludwigstein und Archiv der deutschen Jugendbewegung ins Leben gerufen, der die Burg übertragen wird. Die Vereinigung wird damit zum Förderverein.

1976 entsteht der – zunächst als Flachbau ausgeführte – Hansteinflügel mit dem Schwimmbad, 1986 das Dachgeschoß und der Bilsteinflügel, in den ein Jahr später die neu gegründete Jugendbildungsstätte Einzug hält.

Schließlich wird im Jahr der Wiedervereinigung der Wirtschaftsanbau mit einer modernen Großküche – und damit ein eigener Speisesaal im Mittelbau – eingeweiht.

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