Beschwerdestelle

Liebe Freunde in den Bünden und liebe Burggäste,
die Beschwerdestelle dient Euch dazu, uns auf Vorfälle, die unserer Burghaltung oder den Zugangskriterien entgegen stehen, aufmerksam zu machen. Wir setzen uns mit Euren per E-Mail über die Beschwerdestelle einzureichenden Anfragen auseinander und leiten unsere Ergebnisse dem Stiftungsvorstand zur Entscheidung zu, über die Ihr benachrichtigt werdet.

Mitglieder der Beschwerdestelle sind Roland Elsas (Stiftungsvorsitzender und Burgbetriebsleitung), Heiko Meserle (ehrenamtlicher Stiftungsvorstand), Karolin Dörrheide (Vereinigung Jugendburg Ludwigstein), Jan Wehenkel (Vereinigung Jugendburg Ludwigstein), Susanne Rappe-Weber (Leiterin des Archivs der deutschen Jugendbewegung) und Katharina Feldmann (Leiterin der Jugendbildungsstätte Ludwigstein).

Beispiele aus der Arbeit der Beschwerdestelle

Die folgenden Beispiele zeigen, wie die Beschwerdestelle arbeitet und welche Themen behandelt werden:

Zeitweilige Aufhebung des Zugangs zweier Bünde zur Jugendburg Ludwigstein (2026)
Die beiden Bünde „Fahrende Gesellen“ und „Deutscher Mädelwanderbund“ können aktuell die Einhaltung mehrerer Zugangskriterien der Burg Ludwigstein nicht ausreichend darlegen. Daher hat der Stiftungsvorstand auf Empfehlung der Beschwerdestelle eine Suspendierung beider Bünde zunächst für die Dauer von einem Jahr beschlossen. Während dieser Zeit sollen die genannten Bünde Gelegenheit haben, jegliche Zweifel glaubhaft und vollständig auszuräumen. Ab Juli 2027 soll der Fall erneut beraten werden.

Keine extremistischen Gruppierungen auf der Jugendburg Ludwigstein (2026)
Wer sich an Veranstaltungen auf der Burg beteiligt oder ein Quartiert bucht, muss die Burg-Regeln einhalten. Das wurde bislang über eine Unterschrift unter der Erklärung "Unsere Haltung gegen Rechtsextremismus" dokumentiert. Als bei der Beschwerdestelle die Kritik einging, dass dieses Vorgehen eine Ungleichbehandlung gegenüber anderen extremistischen Einstellungen (Islamismus, Linksextremismus) darstellt, wurde das geprüft. Tatsächlich gibt es schon seit längerem eine Ausarbeitung zu den "Zugangskriterien" für die Burg, in der unterschiedliche extremistische Einstellungen formal gleichbehandelt werden. Daher schlug die Beschwerdestelle vor, künftig den Zugang zu Veranstaltungen durch eine Unterschrift unter das Papier "Zugangskriterien" zu organisieren. Es wurde aber auch klargestellt, dass damit keine Relativierung des Rechtsextremismus als größte Gefahr für die Demokratie und das gesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland gemeint ist.

Keine Bilder von A. Paul Weber als Wanddekoration in der Jugendburg Ludwigstein (2025)
Verschiedenen Besucher*innen waren Bilder des Malers A. Paul Weber (1893–2008) als Wanddekoration in einem Raum und in einem Flur negativ aufgefallen: Der Künstler sei vor allem für seine antisemitischen Überzeugungen bekannt. Dagegen verwies der Jugendbund, der diese Dekoration angebracht hatte, auf die intensiven Verbindungen Webers zur Jugendbewegung. Die Beschwerdestelle wurde angerufen, um den Fall zu lösen. Sie stellte dazu fest, dass „die antisemitische und rassistische Grundausrichtung vieler Arbeiten und Webers eigene Verankerung im Nationalbolschewismus unübersehbar“ sind. Das widerspricht der Haltung gegen Rechtsextremismus. Die Gemälde wurden abgehängt, der Jugendbund entsprechend informiert.

Keine Wehrmachtslieder auf der Jugendburg Ludwigstein (2023)
Bei einer Singerunde während einer überbündischen Veranstaltung wurde von einer Gruppe das Lied „Auf Kreta in Sturm und im Regen, da steht ein Fallschirmjäger auf der Wacht“ angestimmt. Das wurde von anderen Teilnehmer*innen als „Nazi-Lied“ qualifiziert – sie beschwerten sich zunächst bei der Veranstaltungsleitung, die mit Appellen an alle den weiteren Verlauf des Singeabends gewährleistete. Im Nachgang wurde die Beschwerdestelle angerufen um zu klären, wie das genannte Lied einzuordnen ist und wie künftig verfahren werden soll. In der Beschwerdestelle wurde eome Stellungnahme erarbeitet: „Keine Wehrmachtslieder auf der Jugendburg Ludwigstein: Weil mit Liedern aus dem Zweiten Weltkrieg die nationalsozialistischen Eroberungsangriffe gegen andere Länder überhöht und verharmlost wurden, sollen diese auf der Burg Ludwigstein nicht erklingen“. Mit Erläuterungen und Angeboten an die Bünde, sich aktiv mit ihrem tradierten Liedgut auseinanderzusetzen, wurde dieser Beschluss bekanntgegeben.


Hintergrund und Entwicklung

Wie es zur Einrichtung der Beschwerdestelle kam und wie sie sich bewährt hat, wird im Folgenden erläutert.
Vor welchem Hintergrund die Beschwerdestelle entstand und wie die Arbeit in der Praxis aussieht, könnt Ihr dem folgenden Text entnehmen:

Mittelsperre und Wiederfreigabe (2013)
Aufgrund einer Presseanfrage zur Teilnahme „völkisch-nationalistischer Jugendbünde“ an Veranstaltungen der Jugendburg Ludwigstein stellte das Hessische Sozialministerium am 21. Oktober 2013 bis zur „...einwandfreien Klärung dieser Fragen diesseits anstehende Entscheidungen über Investitionsförderungen sowie etwaige Zahlungen...“ an die Jugendburg zurück. Innerhalb der Klärungsphase beschloss der Stiftungsvorstand der Jugendburg am 2. November 2013, den Begegnungsort Ludwigstein allen Bünden für zunächst zwölf Monate nicht mehr zur Verfügung zu stellen.

Daraufhin initiierten die Jugendverbände Deutsche Waldjugend und Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) im Rahmen der Mitgliederversammlung der Vereinigung Jugendburg Ludwigstein (VJL) einen Kritiker-/Befürworter-Dialog (Dialog der Bünde), um die Identifikation zwischen Jugendbünden und Burg zu verbessern.

Am 8. November 2013 erklärte der hessische Sozialminister Stefan Grüttner: „Angesichts der mit Ihnen geführten Gespräche und der von Ihnen vorgelegten Gegendarstellungen und Einschätzungen bin ich zu der Auffassung gelangt, daß Sie auch unter Einholung externer Auskünfte über verschiedene Bünde darlegen konnten, dass eine „rechte Milieubildung“ von Ihnen weder befördert noch toleriert wird.“

Reflexionsprozess (2014/2015)
In den Jahren 2014 und 2015 haben sich alle Burggremien und Mitglieder des Burgteams in einem Reflexionsprozess mit einem ganzen Bündel unterschiedlicher Themen auseinandergesetzt. Das Ergebnis findet Ihr in unserem Papier Konflikt um die Offene Burg - Reflexion und Ausblick“. Es ging darum, die o.g. Ereignisse im Herbst 2013, die zu einem Jahr ohne Jugendbünde auf der Burg führten, aufzuarbeiten und ein Konzept für die Zukunft zu entwickeln.

Entstanden ist in den ausführlichen Gesprächen eine gemeinsame Grundlage, die den „Konflikt um die Offene Burg" widerspiegelt und „Unsere Haltung gegen Rechtsextremismus" definiert, die bindend für uns und unsere Gäste ist. Gleichzeitig setzte sich der „Dialog der Bünde" mit den Konflikten um Burg und Bünde auseinander und verabschiedete schließlich „Kriterien für den Zugang zur Jugendburg Ludwigstein“.

Beschwerdestelle (seit 2014)
Seit Inkrafttreten des vom Dialog der Bünde erarbeiteten Kriterienkatalogs als Zugangsregelung zur Burg stehen alle auf der Burg zugelassenen Bünde u.a. mit folgender Selbstverpflichtung im Wort: „Eine aktive Unterstützung von extremistischen Vereinigungen oder Parteien durch die Bünde, Gruppen oder deren Mitglieder wird nicht toleriert.“ Steht das in Frage, heißt es dazu weiter: „Zu begründeten und belegten Vorwürfen, im Widerspruch zu diesem Kriterienkatalog zu stehen, nehmen Bünde und Gruppen transparent Stellung. Solche Vorwürfe müssen über die Beschwerdestelle der Burg eingereicht werden.“ Diese Praxis gilt für alle Vorfälle, die unserer Burghaltung oder den Zugangskriterien entgegen stehen.

Praxis (2014-2022)
Mit diesem, allen offen stehenden, Verfahren haben wir seit November 2014 wiederholt gute Erfahrungen gemacht und entsprechende Entscheidungen entlang der Zugangsregeln gefällt. In der Konsequenz ist z.B. die Anastasia-Bewegung (deren Umfeld-Gruppe „Stammes Quelle“ wollte 2015 mit einem bundesweit bekannten Rechtsextremisten und Antisemiten auf dem Kreisgebiet feiern, worauf hin wir die Polizei informierten) auf der Burg nicht mehr erwünscht.

In Bezug auf den Freibund verlief eine durch die Jugendburg im Rahmen des Bünde-Dialogs angestoßene Problematisierung von dessen Festhalten am NS-belasteten Bundeslied ergebnislos. Im Oktober 2016 zog sich der Freibund von der Burg zurück und kann – solange dieser Vorbehalt nicht aufgelöst ist, von Burgseite aus nicht mehr am Burgleben teilnehmen.

Mit neuen extremistischen Grauzonen setzen wir uns dabei möglichst präventiv auseinander. So im Sommer 2017 über Vortrag und Diskussion mit dem Historiker und Autor Dr. Volker Weiß, der unter dem Titel „Identitäre - Wie die politische Rechte auf Jugendbewegungsmodus schaltet“ das Phänomen der Identitären Bewegung für die Teilnehmenden unseres jugendbewegten Workshoptreffens „DreiEckenKreis“ und Interessierte aus der Region kritisch aufbereitete.

Im Rahmen des 100jährigen Jubiläums der Jugendburg problematisierte die HNA die „Durchdringung von VJL und Jugendburg durch NS-Aktivisten“ in der Nachkriegszeit. Ihre Bitte um Stellungnahme schloss auch Fragen zur aktuellen Zugangsregelung der Jugendbünde und zur Grenzziehung zum Rechtsextremismus ein. Wesentliche Teile der Stellungnahme bildete die HNA als „Harte Arbeit an der eigenen Geschichte“ in einem weiteren Beitrag ab.

Reflexionsprozess

Unsere Haltung gegen Rechtsextremismus

Kriterienkatalog

Roland Eckert, Zur Kontroverse um den
Freibund und sein Bundeslied, 
Juli 2015 [PDF]

HNA zu 100 Jahre Jugendburg vom 22.08.2020

Stellungnahme der Jugendburg zu HNA-Fragen vom 27.08.2020

HNA zu 100 Jahre Jugendburg vom 11.09.2020