Jugend – Gewalt im 20. Jahrhundert: Erleben, Erörtern, Erinnern

Archivtagung des Archivs der deutschen Jugendbewegung vom 21. bis 23. Oktober 2022

Prof. Dr. Meike S. Baader (Hildesheim), Prof. Dr. Till Kössler (Halle), Prof. Dr. Dirk Schumann (Göttingen)

Bericht von Susanne Rappe-Weber:

Die Archivtagung 2022 widmete sich einem von der Jugendbewegungsforschung bislang wenig beachteten Thema. Zwar standen gerade die Anfänge der Jugendbewegung um 1900 im Zeichen der Kritik und Distanzierung von autoritären Lehrern und Eltern, also in einer Zeit, als körperliche und seelische Strafen vielfach noch als legitime Erziehungsmittel angesehen wurden. Doch eine systematische Beschäftigung mit dem Problem unter dem allgemeinen Gesichtspunkt der „Gewalt“ hat es weder zeitgenössisch noch retrospektiv gegeben.

Insofern bot das von den Archivbeiräten Prof. Dr. Meike S. Baader (Hildesheim) und Prof. Dr. Dirk Schumann (Göttingen) gemeinsam mit ihrem Kollegen Prof. Dr. Till Kössler (Halle) entwickelte Programm den zahlreichen Besucher_innen viele neue Einsichten. Ausgangspunkt am Freitagabend waren die von Frau Baader und Dr. Jens Elberfeld (Halle) entfalteten allgemeinen Perspektiven auf das Thema, in denen ausgelotet wurde, wie sich insbesondere die Diskurse über Gewalt und Sexualität für das Jugendalter in der Weimarer Republik bzw. im Verlauf des 20/21. Jahrhunderts entwickelt haben.

Der abendliche Ausklang fand in den Archivräumen statt, wo mit einer Vernissage der Berliner Ausstellung „Spuren des Kolonialismus“ ein neuer Blick auf den Ur-Wandervogel Karl Fischer (1881–1941) präsentiert wurde.

Am Samstag griffen zunächst zwei Fallstudien von Prof. Dr. Mischa Honeck (Kassel) und Lieven Wölk (Berlin) Themen aus der Jugendbewegung im engeren Sinn auf. Während Herr Honeck die Aktivitäten der amerikanischen Boy Scouts auf den Philippinen und in Westdeutschland miteinander verglich, erörterte Herr Wölk das spezifische Gewaltverständnis innerhalb des deutsch-jüdischen Jugendbundes Schwarzes Fähnlein. Unter juristischen Vorzeichen analysierte Dr. Sarina Hoff (Mainz) die Bedeutung körperlicher Schulstrafen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts.

Weil einige Referent_innen aus gesundheitlichen Gründen nicht gekommen waren, blieb für die Diskussion mit dem Publikum mehr Raum, was als sehr positiv wahrgenommen wurde. Das betraf auch das von Dr. Katharina Lenski (Jena) und Dr. Christian Sachse (Berlin) präsentierte Thema der Gewalt gegen Jugendliche in der DDR. Herr Sachse zeigte eine Film-Dokumentation zu Jugendhäusern, an der er selbst mitgewirkt hatte; Frau Lenski verdeutlichte den allumfassenden Zugriff der Diktatur auf auffällig gewordene Jugendliche. Dazu passte die Studie von Prof. Dr. Florian Eßer (Osnabrück) zum archivisch-historiografisch angemessenen erinnerungskulturellen Umgang mit der Erfahung von Heimerziehung.

Am Sonntag ging es in zwei Vorträge um die Perspektiven der von Jugendlichen ausgeübten Gewalt. Zunächst stellte Prof. Dr. Christian Jansen (Hildesheim) die Situation in Italien in den 1960/70er Jahren dar. Danach problematisierte Dr. Janosch Steuwer (Halle) das in der Öffentlichkeit vielfach einseitig als „Jugendgewalt“ diskutierte Aufkommen rechtsextremer Gewalt in Deutschland in den 1980/90er Jahren. In der Schlussdiskussion würdigte Prof. Dr. Till Kössler (Halle) die während der Tagung entfalteten Perspektiven von Jugend-Gewalt, die in großer zeitlicher, geografischer und thematischer Weite zur Sprache kam. Das kenntnisreiche und aufmerksame Publikum hatte am Erfolg dieser Tagung großen Anteil.

 

Archivtagungen seit 2003

2003
Jugend im Film der DDR

2004
Die Wiederbelebung jugendbündischer Kulturen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft

2005
Des Kaisers neue Völker – Jugend, Jugendbewegung und Kolonialismus

2006
„Zurück zur Natur“ und „Vorwärts zum Geist“ . 100 Jahre Wickersdorf

2007
„Stellt die Gitarren in die Ecke und diskutiert“. Jugendbewegung und Kulturrevolution um 1968

2008
Erlebnisgeneration – Erinnerungsgemeinschaften. Die Jugendbewegung und ihre Gedächtnisorte

2009
100 Jahre Pfadfinden in Deutschland

2010
Jugendbewegte Geschlechterverhältnisse

2011
Jugendbewegung und Erwachsenenbildung: Impulse, Akteure, Projekte

2012
50 Jahre danach – 50 Jahre davor. Der Meißnertag von 1963 und die Folgen

2013
Sammeln – erschließen – vernetzen. Jugendkultur und soziale Bewegungen im Archiv

2014
Ludwigstein: Annäherungen an die Geschichte der Burg im 20. Jahrhundert

2015
Zur visuellen Geschichte  „bewegter Jugend“ im 20. Jahrhundert

2016
Avantgarden der Biopolitik. Jugendbewegung, Lebensreform und Strategien biologischer "Aufrüstung"

2017
Die deutsche Jugendbewegung. Historisierung und Selbsthistorisierung nach 1945

2018
Lebensreform um 1900 und Alternativmilieu um 1980. Kontinuitäten und Brüche in Milieus der gesellschaftlichen Selbstreflexion im frühen und späten 20. Jahrhundert

2019
Jugend im Kalten Krieg

2021
Transzendental obdachlose Jugend? Sinnfragen der jungen Generation (1945–1949)

2022
Jugend - Gewalt im 20. Jahrhundert: Erleben, Erörtern, Erinnern

Stiftung Jugendburg Ludwigstein