Transzendental obdachlose Jugend? Sinnfragen der jungen Generation (1945–1949)

Archivtagung auf Burg Ludwigstein vom 23. bis 25. Oktober 2020
Prof. Dr. Wolfgang Braungart, Bielefeld; Dr. Gabriele Guerra, Rom, Italien; Dr. Justus Ulbricht, Dresden

Allmählich setzt sich in der geschichtswissenschaftlichen Forschung die Einsicht durch, dass die ersten, frühen Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg für die Konstitution der beiden Deutschländer entscheidende Bedeutung hatten und deshalb noch viel eingehender untersucht werden müssten, als es bislang geschehen ist. „Sinnfragen“ – ganz bewusst benutzen wir diesen vagen Begriff – wurden von der Jugendkultur-Forschung bislang aber eher nur gestreift, von weltanschaulichen und auch religiösen (Neu-?) Orientierungen war kaum die Rede, auch nicht von den Herausforderungen, die sie sich dabei gerade für die junge Generation stellten. Dies ist die Hypothese, von der wir bei der Archivtagung 2020 ausgehen wollen.
Man sollte freilich meinen, dass es gerade in diesen Jahren einen großen Bedarf an Sinn und Trost, auch an Religion und „Religioidem“ gegeben habe, also an „religiösen Halbprodukten“, wie Georg Simmel selbst seine begriffliche Neuprägung übersetzt hat. Aber war es tatsächlich so? Zu fragen wäre also, welche Suchbewegungen entstanden und wie genau sie in der jungen Generation und der Jugendbewegung verliefen, wie sie sich regional und lokal spezifizierten oder wie womöglich wieder übergreifende Kommunikationsprozesse initiiert wurden. Gerade die junge Generation hatte sich doch – in der berühmt gewordenen Formel von Georg Lukács – mit einer nie dagewesenen „transzendentalen Obdachlosigkeit“ auseinanderzusetzen. Wenn sie das denn wirklich tat! Wie ging sie mit der Schuldfrage um? Griff sie dabei auf das zurück, was sich in Literatur, Philosophie, Theologie längst „bewährt“ hatte? Erinnerte sie sich wieder auch an die Institutionen der Religion, und versuchte sie, dort einen Platz zu finden? In welcher Weise formierte sich kirchlich-konfessionelle Jugendarbeit; und suchten Jugendliche dort ihr Selbstverständnis und ihre Selbstverortung? Oder schloss die Jugend auch an Artikulationsformen nicht-institutionalisierter Sinn-Suche an? Erfand sie neue? Konnten die Vergemeinschaftungsprozesse der historischen Jugendbewegung mit ihrer Semantik allein noch für die Bedürfnisse nach weltanschaulicher Zugehörigkeit einen Raum bieten? Oder suchte sie neue Semantiken? Und welche Medien und Praktiken, Performanzen und Rituale boten sich an? Gab es grundlegende Unterschiede in den jugendbewegten Praktiken zwischen den Westzonen und der SBZ? Vermuten könnte man, dass gerade Kunst und Literatur, Architektur und Natur dazu dienten, neue sinn-volle, womöglich spirituelle Erfahrungen zu machen: War das so? Und in welcher Weise und in welchem Rahmen? Nahm Jugend den Charakter eines Sondermilieus an, um sich abzugrenzen von denen, die die Katastrophe zu verantworten hatten? Ob „Jugend“ überhaupt ein tragfähiger Begriff für den Neuanfang im Trümmerdeutschland dieser frühen Jahre war, wäre aber erst noch zu diskutieren; Seitenblicke nach Italien und Österreich könnten auch hilfreich sein.
All dies sind Fragen, die – in Fortsetzung früherer Tagungsthemen – diskutiert werden könnten. Leitung und Wissenschaftlicher Beirat des Archivs der deutschen Jugendbewegung freuen sich über Interesse an diesem Forschungsfeld, stehen für Rückfragen zur Verfügung und erbitten Vortragsvorschläge (ca. 2.500 Zeichen mit kurzen Angaben zur Person).

Archivtagungen seit 2003

2003
Jugend im Film der DDR

2004
Die Wiederbelebung jugendbündischer Kulturen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft

2005
Des Kaisers neue Völker – Jugend, Jugendbewegung und Kolonialismus

2006
„Zurück zur Natur“ und „Vorwärts zum Geist“ . 100 Jahre Wickersdorf

2007
„Stellt die Gitarren in die Ecke und diskutiert“. Jugendbewegung und Kulturrevolution um 1968

2008
Erlebnisgeneration – Erinnerungsgemeinschaften. Die Jugendbewegung und ihre Gedächtnisorte

2009
100 Jahre Pfadfinden in Deutschland

2010
Jugendbewegte Geschlechterverhältnisse

2011
Jugendbewegung und Erwachsenenbildung: Impulse, Akteure, Projekte

2012
50 Jahre danach – 50 Jahre davor. Der Meißnertag von 1963 und die Folgen

2013
Sammeln – erschließen – vernetzen. Jugendkultur und soziale Bewegungen im Archiv

2014
Ludwigstein: Annäherungen an die Geschichte der Burg im 20. Jahrhundert

2015
Zur visuellen Geschichte  „bewegter Jugend“ im 20. Jahrhundert

2016
Avantgarden der Biopolitik. Jugendbewegung, Lebensreform und Strategien biologischer "Aufrüstung"

2017
Die deutsche Jugendbewegung. Historisierung und Selbsthistorisierung nach 1945

2018
Lebensreform um 1900 und Alternativmilieu um 1980. Kontinuitäten und Brüche in Milieus der gesellschaftlichen Selbstreflexion im frühen und späten 20. Jahrhundert

2019
Jugend im Kalten Krieg

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