Vernetzte Quellen zur deutschen Kulturgeschichte im 20. Jahrhundert: Die Jugendmusikbewegung

Erschließung und Digitalisierung in einem DFG-geförderten Projekt (2019-2022)

Zum Projektinhalt
"Im Widerspruch zur immensen Bedeutung, die den Veränderungen jugendlicher Musikkulturen im 20. Jahrhundert zugesprochen wird, steht bislang ein Mangel an quellenbasierten Arbeiten, die die Übergänge von einer, an eigenen deutschen Vorbildern orientierten Musizier- und Singepraxis zu international geprägten, stärker konsumorientierten Stilen und Formen thematisieren. Geht man davon aus, dass sich kulturelle Wandlungen nicht ad hoc ereignen, sondern in Resonanz mit anderen gesellschaftlichen Veränderungen über Widersprüche, Impulse und Krisen entwickeln, bietet sich das im Archiv der deutschen Jugendbewegung in einmaliger Dichte repräsentierte Feld der „Jugendmusikbewegung“ mit ihren Handlungsfeldern wie Chören, Orchestern, Schulprojekten, Verlagen, Zeitschriften und Fortbildungseinrichtungen an, um von hier aus die Grundlagen der kulturellen Veränderungen zu erforschen.

Diese Perspektive bestimmte die Sammlungstätigkeit des AdJb seit den Anfängen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, da sie  eine Fülle äußerlich heterogener, aber inhaltlich eng miteinander verzahnter Quellen vereinigt. In eben dieser Linie steht auch die Übernahme der einzigartigen Sammlung „Archiv der Jugendmusikbewegung“ (AdJMb, 2008), dessen Erschließung hier beantragt wird. Mit einem Umfang von ca. 100 Regalmetern handelt es sich um einen Bestand, den Fritz Jöde in Hamburg von 1959 an aufgebaut hat. Fritz Jöde (1887–1970) gilt, neben Walter Hensel (1887–1956), als wichtigster Protagonist der Jugendmusikbewegung, der die musizierenden Gruppen der Jugendbewegung in einem Verband, den „Musikantengilden“, ordnete und ihnen durch die Kooperation mit einem Verlag (Kallmeyer, später: Möseler, in Wolfenbüttel) Material für die Musikpraxis zur Verfügung stellte. Das von ihm gegründete Archiv, jetzt im Besitz des AdJb, schließt personen- und sachthematische Sammlungen, Nachlässe, Fotografien und Tonträger sowie Bücher und Zeitschriften aus den unterschiedlichen Strömungen der Jugendmusikbewegung ein. In allen Bereichen der Sammlung gibt es enge Verknüpfungen mit den zuvor im AdJb selbst angelegten Beständen zur Jugendmusikbewegung, deren Schwerpunkt ebenfalls auf der Fülle musikorganisatorischer und musikpraktischer Quellen liegt, nicht allein, wie sonst oft üblich, auf der Sammlung bibliographischer Liedbelege und Lieddokumentationen .Tatsächlich kommt gerade in der Jugendbewegung den Liedern, dem gemeinsamen Singen und der Verfügbarkeit eines gemeinsamen Kanons eine große Bedeutung zu. Gleichzeitig braucht es für die Erforschung der musikkulturellen Praxis der Jugendbewegung aber einer umfassenderen Quellengrundlage, die die Akteure dieser spezifischen Musikkultur als Netzwerk von Organisationen, Personen und Institutionen transparent macht, und die in der archivtypisch weit gefassten Sammlung des AdJb zur Verfügung steht.

Um nun die spezifische Qualität der in Archiven verwahrten „vernetzten Quellen“ zur populären Musikgeschichte zur Geltung zu bringen, bedarf es entsprechender Pilotvorhaben. Damit werden die Voraussetzungen für eine umfassende Erforschung der Jugendmusikbewegung zwischen 1918 und 1980 als jugendkulturelle und musikpädagogische Erscheinung geschaffen, die über Veränderungen im Schul- und Jugendgruppenleben weite Teile der jungen Generation betraf und damit den gesellschaftlichen Wandel in der Bundesrepublik in besonderer Weise reflektiert. Mit den Quellen dieser Epoche können insbesondere Lücken zur Musikgeschichte der NS-Zeit, zur Wirkungsgeschichte der Jugendbewegung nach 1945 sowie zum Einfluss der Jugendmusikbewegung auf die kirchenmusikalischen Erneuerungsbestrebungen geschlossen werden. Darüber hinaus kann und sollte die „Jugendmusikbewegung“ damit in weitere Zusammenhänge einer künftigen „Pop Geschichte“ eingeschrieben werden. Die neuere Kultur- und Sozialgeschichte, die sich einiger Zeit verstärkt dem Thema Musik zuwendet, würde damit um bedeutsame Perspektiven erweitert."

Die Orgel "Ver sacrum" im Meißnersaal der Jugendburg Ludwigstein

Ansprache zur Wiedereinweihung der Orgel am 9. Juli 2022 im Rahmen der 100-Jahrfeier des Archivs der deutschen Jugendbewegung

Anfang letzten Jahres stieß das Projektteam zur „Jugendmusikbewegung“  auf die lange vernachlässigte Orgel im hinteren Winkel des Meißnersaals und deckte im Zuge einiger Recherchen dessen spannende Geschichte auf, die so viele Parallelen zur Geschichte des Ludwigsteins selbst aufweist. Aus dem in der Öffentlichkeit neu erwachten Interesse an dem erhabenen Großinstrument, der Orgel, heraus wurde Ende der 1920er Jahre auf dem schlesischen Jugendhof in Hassitz eine Orgel installiert, gewidmet als „Ver sacrum“, Heiliger Frühling, den im Ersten Weltkrieg viel zu früh verstorbenen Angehörigen der Jugendbewegung. Der Initiator, Richard Poppe, ein Lehrer und Jugendpfleger widmete sich der Jugendmusikbewegung im Sinne Walter und Olga Hensels. Diesem Erbe fühlte sich die Witwe Erna Poppe verpflichtet, als sie nach 1960 im Kontakt mit dem Bärenreiter Verlag in Kassel und dem Arbeitskreis für Hausmusik, heute Internationaler Arbeitskreis für Musik, die Installation des jetzigen Instruments auf den Weg gebracht hat.

Die Orgel wurde gespielt, gebraucht – und geriet dann doch in Vergesessenheit, bis wir sie vor ziemlich genau einem Jahr geöffnet und uns dafür interessiert haben. Recht schnell entstand ein Plan, um sie wieder gebrauchsfertig zu machen, ein Plan, an dem sich viele beteiligt haben: mit Ideen, mit Umsetzungsvorschlägen und dem Angebot, dafür Geld zu geben. Heute also, ist es soweit: Die Arbeit von der Orgelbauwerkstatt Rotenburg, von Herrn Kozeluh ist abgeschlossen; Angehörige der Kasseler Musikakademie Louis Spohr, die ihrerseits eine Einrichtung ist, die auf die Jugendmusikbewegung zurückzuführen ist, spielen uns Musik, die zu dem Instrument passt.

Ich freue mich sehr und danke allen, die daran ideell und finanziell großzügig und unkompliziert mitgewirkt haben!

Susanne Rappe-Weber

Vom Jugendhof Hassitz zur Jugendburg Ludwigstein

"Ver Sacrum" nach 1918 und nach 1945

Frau Xinrong Li von der Kasseler Musikakademie Louis Spohr spielt zur Einweihung der Orgel von Hugo Distler (1908-1942): "Frisch auf, gut Gsell, lass rummer gahn", Liedsatz + Variation aus: Dreissig Spielstücke für die Kleinorgel op. 18/1

Dr. Amrei Flechsig, Mitarbeiterin im DFG-Projekt zur Quellenerschließung "Jugendmusikbewegung", erläutert die Herkunft und Idee hinter der Ludwigsteiner Orgel (Ludwigsteiner Blätter, Nr. 292 (2021), S. 25-29)

 

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