Gelebte Utopien. Siedlungen der Lebensreform

Donnershag bei Sontra (Abb.) sowie Loheland und Schwarzerden in der Rhön - drei von insgesamt neun Beispielen aus dem hessischen Umland veranschaulichen, wie sich Lebensreformer*innen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ein gutes Leben vorstellten.

Im Laufe des 19. Jahrhundert entwickelte sich die Lebensreformbewegung, um den Missständen und prekären Lebensverhältnissen, die mit der Industrialisierung und Urbanisierung auftreten, entgegenzuwirken. Sie verfolgte eine Rückbesinnung auf eine als naturgemäß verstandene Lebensweise, die sich durch alle Lebensbereiche ziehen sollte, beginnend bei Landschafts- und Naturschutz, Naturheilkunde über eine Reform der Ernährung, die mit biologischen Landwirtschaft, Vegetarismus und Abstinenz einhergeht, bis hin zur Kleidungsreform, Freikörperkultur und Erziehungskonzepten. Unter dem Einfluss der Lebensreform und Jugendbewegung entstand auch die Siedlungsbewegung, die versuchet, ihre Utopie von einem autonomen Leben nach lebensreformerischen Grundsätzen zu verwirklichen. Deren ideologisches Spektrum reichte von kommunistisch bis völkisch-nationalistisch. Gemeinsam war ihnen der Wunsch, einen alternativen Lebensentwurf in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche und gefühlter Krise umzusetzen. Viele der hier behandelten Siedlungen gründeten sich in der Zwischenkriegszeit, die von Inflation, Putschversuchen und politischer Unzufriedenheit geprägt war. Die Siedler*innen lehnten die bestehenden Produktionsverhältnisse ab und strebten nach Verwirklichung in Lebensgemeinschaften jenseits der Großstadtzivilisation. In der Zwischenkriegszeit siedelte man häufiger aus Not als aus Überzeugung. Gleichzeitig waren aber auch verstärkte Ideologisierung und Radikalisierung Ausgangspunkt für verstärkte Siedlungsgründungen. Nur die wenigsten bestanden über einen längeren Zeitraum. Andere aber blieben erfolgreich und bestehen bis heute.

Die Ausstellung wurde von Studierenden des Faches "Europäische Ethnologie/Volkskunde" an der Universität Würzburg unter Leitung ihres Dozenten Felix Linzner M. A. erarbeitet. Die 13 Poster und zahlreichen Originalobjekte sind noch bis zum 15. Oktober im Archiv der deutschen Jugendbewegung zu sehen.

 

Dazu die Dauerausstellung: Jugend - bewegt und ... voller Geschichte(n)

Die Jugendbewegung hat Geschichte gemacht: mit dem "Wandervogel" wurde um 1900 erstmals die "Jugend" als junge Generation sichtbar und erwirkte öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Anliegen. Dieser "Aufbruch der Jugend" hat sich als soziale Bewegung in die Geschichte der Moderne eingeschrieben. Der Beginn der Emanzipation von Kindern und Jugendlichen ist in Deutschland eng mit den Verlangen nach Selbstbestimmung und Selbstverantwortung verbunden, hat aber hier auch seine tiefsten Einschnitte durch die NS-Diktatur erfahren. Erst nach 1945 hielten durchgehend demokratische Formen im Spektrum von Jugendbünden und Jugendkulturen Einzug. - Die Ausstellung erzählt diese Geschichte.

Archivausstellungen seit 2005

2005 Kolonialgeschichte

2006 Wickersdorf

2008 Erlebnisgeneration - Erinnerungsgemeinschaft

2009 100 Jahre Pfadfinder

2010 Jugendbewegte Geschlechterverhältnisse

2011 Fidus

2013 Diefenbach

2014 600 Jahre Burg Ludwigstein

2015 Julius Groß (1892 - 1986). Ein jugendbewegter Fotograf

2016 "Gegen Sumpf und Fäulnis ... ". Jugendbewegung, Lebensreform und Biopolitik

2017 Jugend - bewegt und voller Geschichte(n)

2018 Forschen zur Lebensreform. Quellen im Archiv der deutschen Jugendbewegung

2019 Gelebte Utopien - Siedlungsprojekte der Lebensreform

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