Der Ludwigstein als Ort des Gedenkes

Die Geschichte der Jugendbewegung ist geprägt von Idealen - und von dem Zwiespalt, sich selbstbestimmt für große gemeinsame Ziele einzusetzen.

Der Freideutsche Jugendtag 1913 auf dem Hohen Meißner stellte sich offen gegen den Hurrapatriotismus im deutschen Kaiserreich. Unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs erreichte den Kaiser ein Telegramm aus den Bünden mit der dringenden Bitte, den Krieg zu verhindern. Dennoch eilten die Jugendbewegten wenige Wochen später als erste zu den Fahnen. Von den 13 Millionen deutschen Soldaten, die am Krieg teilnahmen, fielen 2 Millionen. - Von den 12.000 teilnehmenden Wandervögeln fielen mehr als 7.000. Viele von ihnen zogen voll uneingeschränkter Hingabe in den Krieg.

Unter den Gefallenen war auch Christian (Christel) Schneehagen, der den Freideutschen Jugendtag organisiert hatte, und nach dem heute der Schneehagenweg vom Ludwigstein zum Hohen Meißner benannt ist.

Als der Ludwigstein nach dem Krieg als Ehrenmal für die gefallenen Wandervögel wieder aufgebaut werden sollte, lebte von denen, die diesen Entschluss im ersten Kriegswinter gefasst hatten, nur noch einer. Nicht das Gefühl, mit dem Krieg ein großes Unrecht begangen zu haben, sondern der Gedanke, Helden ehren zu wollen, die ihr Leben als Opfer für ihr Volk dargebracht hatten, überwog. - Und trotzdem bestand der erste gemeinsame Schritt darin, eine alte Linde bei der Burg Paaschelinde zu nennen, als Hans Paasche, der als Marineoffizier den Dienst quittiert und sich zum Pazifismus bekannt hatte, 1920 von rechtsgerichteten Freischärlern erschossen wurde.

Das Gedenken auf der Burg ist durch Widersprüche gekennzeichnet. Der zentrale der Gedenkorte, die in der linken Leiste erläutert werden, ist der Gedenkraum in der Steinkammer. Gedacht wird dort namhafter Jugendbewegter wie Walter Flex, dessen Kriegsbegeisterung im Ersten Weltkrieg mehr und mehr der Betroffenheit wich, bis er dann 1917 fiel. Gedacht wird auch weniger bekannter Personen wie Helmut (Helle) Hirsch von der deutschen jungenschaft, der 1937 einen Anschlag auf das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg geplant hatte, und der dafür hingerichtet wurde. Und gedacht wird der unzähligen Jugendbewegten, die kurz darauf im Kampf für ein Reich fielen, an das nicht wenige von ihnen geglaubt hatten – und das mit ihrer Hilfe ganz Europa mit unerhörten Gräueltaten und mit unsäglichem Leid überzog. Von dieser engen Nachbarschaft ist auch der Kriegsopferfriedhof unterhalb der Burg geprägt.

Ort des Gedenkens zu sein bedeutet für uns auf dem Ludwigstein, keine abschließenden Urteile zu fällen, sondern uns den Opfern und den Taten immer wieder neu zu stellen.