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4.2.2012 : 10:31

 

Das Meißner-Ereignis des Jahres 1913:

Im Oktober 1913 brachen etwa 3000 junge Menschen (unterstützt von einer Reihe von „Mentoren“) zum Meißner in Nordhessen auf, einem 600 Meter über dem Werratal gelegenen Bergrücken. Das Jahr 1913: Deutschland steuerte auf einen Krieg zu, der einerseits herbeigeredet und andererseits prophetisch als Katastrophe vorausgeahnt wurde. Von nationaler Euphorie getragen, erinnerte die politische Öffentlichkeit säbelrasselnd an das Jahr 1813. In der Nähe Leipzigs wurde das sogenannte Völkerschlachtdenkmal eingeweiht, nicht weit entfernt von dem Schlachtfeld, auf dem 1813 rund 500.000 Soldaten (Franzosen, Russen, Preußen, Österreicher, Engländer und Schweden) gekämpft und viele ihr Leben gelassen hatten. Auf dem Meißner herrschte am 13./14. Oktober 1913 allerdings nicht die allgemein am Vorabend des Ersten Weltkriegs verbreitete nationale Hurra-Atmosphäre. Hier sollte vielmehr ein „Fest der Jugend“ stattfinden. Veranstalter und Teilnehmer sahen sich damit in der Tradition der Feste der deutschen Nationalbewegung des frühen 19. Jahrhunderts, bei denen – anders als die Nationalfeste des Kaiserreichs – „Freiheit“ noch für wichtiger erachtet wurde als nationale „Einheit“.

Wenn von „Jugend“ die Rede war, so bezeichnete der Begriff nicht nur ganz konkret Jugendliche, sondern „Jugend“ war um 1900 gleichsam ein Zauberwort, das „Aufbruch“ signalisieren sollte: aus bürgerlicher Enge, aus der sich abzeichnenden großstädtischen Massenzivilisation (d.h. „aus grauer Städte Mauern“ …). „Adoleszenz“ gewann eine besondere Bedeutung: als wichtige Lebens- und Entwicklungszeit zwischen Kindheit und Erwachsensein. Gewichtige programmatische und nur selten genau zu bestimmende Begriffe wie „Selbstfindung, Selbsterprobung und Identitätsgewinnung“ (Jürgen Zinnecker) wurden im Zusammenhang mit Jugend als Lebensphase diskutiert. Mit diesen Begriffen ließe sich auch die berühmte Meißnerformel des Jahres 1913 in Stichworten zusammenfassen, die für die damaligen Beteiligten wohl deshalb so attraktiv war und es dann auch lange bleiben sollte, weil sie zeitlos und bedeutungsoffen zu sein schienen.

Der Zeithorizont: Jugendlicher Aufbruch um 1900

Zahlreiche junge Menschen, die im Deutschen Kaiserreich aufgewachsen waren, wünschten sich, der damals üblichen Drill- und Gehorsamserziehung in Schule und Elternhaus, dem engmaschigen Netz elterlicher Einflussnahme und Kontrolle und den Zwängen gesellschaftlicher Konvention zu entfliehen. Sie sehnten sich nach Freiräumen, in denen sie sich entfalten und anderen Jugendlichen begegnen konnten. Sie sahen sich aufgerufen, verantwortlich ihre Zukunft zu gestalten. Sie fühlten sich in einem sehr allgemeinen und unbestimmten Sinne „aufbruchsbereit“, ohne ahnen oder gar wissen zu können, mit welchen zum Teil widersprüchlichen Bedeutungen die Zauberworte der Jahrhundertwende – „Jugend“ und „Jugendlichkeit“ – aufgeladen waren.

Der Meißner als „Wallfahrtsort“ der deutschen Jugendbewegung

Der Meißner, erst mit dem Ereignis des Jahres 1913 zum „Hohen Meißner“ geworden, stellte für Angehörige der Erlebnisgeneration, also die „Dabei-Gewesenen“, zweifellos einen „Gegenort“ zum Völkerschlachtdenkmal von Leipzig dar. Die Teilnehmer hatten sich wie „Pilger“ dem Meißner genähert, sie hatten sich atmospärisch „einschwören“ lassen und gemeinsam gefeiert. Der Meißner war fortan mit einer Aura umgeben. Noch in den Jahren des Dritten Reiches sollten Mitglieder der Jugendbewegung bei Wanderungen auf den Meißner unter dem Druck des NS-Regimes die Wiederholung der Meißnerformel als innere Stärkung empfinden. Im Ersten Weltkrieg wurde dann allerdings Langemarck schnell zu einem Symbol ähnlich wie der Hohe Meißner und bildete fortan gleichsam seinen Schatten: Dieser Ort, an dem so viele junge Männer starben, erschien gleichsam als „Schicksalsort“ einer „verlorenen Generation“, „die der Krieg zerstörte, auch wenn sie seinen Granaten entkam“ (Erich Maria Remarque).

Der Meißner als „Erinnerungsort“

Im Leben von Individuen gibt es bekanntlich einschneidende Ereignisse, die sich zu Erfahrungen verdichten und dann zu Erinnerungen werden. Das gilt besonders auch für Gruppen und Gemeinschaften, die sich bei Wanderungen, am Feuer, bei der Rückkehr an Orte des Gedenkens ihrer Geschichte versichern. In jugendbewegten Erinnerungen an den Meißner sollte der „Aufbruch des Jahres 1913“ zwar stets im Mittelpunkt stehen. Doch bereits beim Erinnerungstreffen an den Freideutschen Jugendtag im Jahre 1923 kam ein weiterer Aspekt hinzu: das Gedenken an die Toten des Ersten Weltkriegs. Unter ihnen befanden sich zahlreiche Mitglieder jugendbewegter Gruppen der Vorkriegszeit, die dann als junge Soldaten bei Langemarck oder an anderen Kriegsschauplätzen umgekommen waren. Auch auf dem Ludwigstein als „Jugendburg“, deren Anfänge in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg liegen, sollte die Erinnerung an die „gefallenen Wandervögel“ wach gehalten werden.

Die Erinnerungen an das Meißnertreffen des Jahres 1913 wurden besonders 1923, 1933, 1946, 1963 und 1988 gepflegt. Hinter den Zahlen verbirgt sich eine „von Generation zu Generation immer wieder neu umgepflügte deutsche Geschichte“ (Martin Broszat). Die Stichworte „Selbstfindung, Selbsterprobung und Identitätsgewinnung“ blieben im Zusammenhang mit den Meißnerjubiläen stets aktuell. Hinzu trat auch immer wieder die Frage nach Werten und Orientierungen, nach humanen Umgehensweisen miteinander und mit dem, was man heute „natürliche Ressourcen“ nennt.

Es muss wohl kaum betont werden, dass das Karussell der Erinnerung und der Meißner-Jubiläumsjahre (50 Jahre 1963, 75 Jahre 1988) sich weiter dreht: erlebt, erfahren und erinnert.

Die Erlebensgeneration des Meißner-Ereignisses 1913 kann heute nicht mehr befragt werden; nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sie sich deutlich zu Wort gemeldet, nicht zuletzt 1963. 1988 (!) hat noch einer der letzten Angehörigen jener Altersgruppe, die 1913 dabei war, Alfred Toepfer, gesprochen. Und die „Jungen Bünde“ haben – immer noch im Wissen um die Bedeutung der Meißnerformel – eine Erklärung abgegeben …

Zur Meißner-Formel des Jahres 1913 zu Beginn des 21. Jahrhunderts

2010, drei Jahre vor dem 100sten Meißnerjubiläum stellen wir fest: Die Umgebung des Meißner hat sich verändert!  Was bleibt von den Ereignissen des Jahres 1913? Für wen? Inwiefern? Jugendliche, die 1913 auf den Meißner zogen, haben sich vielleicht ein Leben lang nie mehr ganz von der Aura des Ortes befreien können. Die Jugendbewegung hat für nachfolgende Generationen wohl auch deshalb eine Anziehungskraft gehabt, weil sie Jugend als Moratorium begriff. Wie Erik H. Erikson geschrieben hat, kann das Moratorium der Adoleszenz folgendermaßen verstanden werden: Es kann „eine Zeit zum Pferdestehlen oder der Suche nach einer Vision sein, eine Zeit der ‚Wanderschaft’ oder der Arbeit ‚draußen im Westen’ oder ‚drüben am anderen Ende der Welt’, eine Zeit der ‚verlorenen Jugend’ oder des akademischen Lebens, eine Zeit der Selbstaufopferung oder dummer Streiche …“

Barbara Stambolis

Die Meißnerformel von 1913

Rede von Gustav Wyneken 1913

Meißnerreigen 1913

Am Hohen Meißner 1923

Meißnertreffen 1963 (Bildarchiv des
Mindener Kreises)

Meißnertreffen 1963 (Bildarchiv des
Mindener Kreises)

Meißnertreffen 1963 (Bildarchiv des
Mindener Kreises)

Alfred Toepfer, "Meißnerfahrer" des Jahres 1913

Meißnerfest 1988

Meißnerfest 1988