Fachfortbildung im Mai 2012
Aufdeckung und Aufarbeitung von sexueller Gewalt in Jugendgruppen
Vom 2.- 4. Mai widmeten wir uns in intensiver Arbeit der Frage: "Was tun, wenn es in meiner Gruppe zu Übergriffen gekommen ist?" Mit einem kleinen Kreis von zehn Teilnehmenden, die alle Vorwissen zum Thema sexueller Missbrauch hatten - die einen mehr, die anderen weniger - war ein konzentriertes Arbeiten sehr gut möglich. Zudem konnten alle ihre Blickwinkel erweitern, da sich der Teilnehmerkreis aus Jugendbewegten und „nicht Jugendbewegten“ zusammensetzte. Frau Dr. Angela May, unsere Referentin von der Bundesarbeitsgemeinschaft Prävention und Prophylaxe in Berlin, begann mit einer Definition von sexueller Gewalt. Für mich sehr einleuchtend war dabei die Abgrenzung der Zusammenhänge, die aus ihrer Sicht auf keinen Fall in eine Definition gehören (siehe unten).
Definition
Wir verstehen als sexuellen Missbrauch, wenn Kinder oder Jugendliche durch Ältere oder Erwachsene zu sexuellen Handlungen veranlasst werden, die sie auf Grund ihrer psychosexuellen Entwicklung nicht verstehen und einordnen können und diesen Handlungen deshalb auch nicht bewusst zustimmen können. Deshalb kann sich das Kind oder der Jugendliche auch nicht bewusst dafür oder dagegen entscheiden. Der Täter nutzt unter Umständen mit Hilfe von Gewalt/Zwang seine altersbedingte Vormachtstellung und das Abhängigkeitsverhältnis des Kindes oder des Jugendlichen aus. Er befriedigt mit Hilfe der sexuellen Handlung sein Machtbedürfnis gegenüber Schwächeren. Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen ist immer eine Verletzung der physischen und psychischen Integrität.
Unter „veranlassen“ verstehen wir:
- „Überreden“ des Mädchens/Jungen, zum Beispiel durch Geschenke, Versprechungen, Bevorzugungen
- Ausüben von Zwang zum Beispiel durch Androhung von Bestrafung bzw. Entzug der besonderen Zuwendung
- Vergewaltigung durch Hinwegsetzen über Widerstände des Mädchen/Jungen
Abgrenzung
Nicht in die Definition gehört, dass das betroffene Mädchen oder der betroffene Junge ihr oder sein Einverständnis zu sexuellen Handlungen gegeben hat, da Kinder auf Grund von Alters- und Entwicklungsunterschieden gar nicht in der Lage sind, willentlich zuzustimmen. Ebenfalls nicht, ob es für das Kind oder den Jugendlichen Folgen hatte, da die Konsequenzen und der Traumatisierungsgrad oft erst Jahre später erkennbar sind. D.h. unabhängig von der Zustimmung des Kindes zu sexuellen Handlungen oder nicht unmittelbar erkennbare Folgen liegt sexueller Missbrauch vor.
Im weiteren Verlauf gingen wir intensiver auf Zahlen, Daten, Fakten und Folgen für die Betroffenen und ambivalente Gefühle gegenüber dem Täter ein, der ja nicht selten ein sehr geliebter, oftmals charismatischer Mensch aus dem sozialen Nahraum ist. Mit diesem Grundlagenwissen konnten wir uns damit beschäftigen, wie wir mit einem Verdacht, es könne zu sexuellen Missbrauchshandlungen gekommen sein oder kommen, umgehen bzw. was unbedingt zu beachten ist.
Hier die wichtigsten Punkte:
- Dem betroffenen Kind oder Jugendlichen ist Glauben zu schenken. Das Kind oder der Jugendliche ist zu bestärken, dass es gut ist, darüber zu sprechen.
- Dem Betroffenen die Schuld nehmen! Der Täter ist für seine Taten verantwortlich und niemand sonst!
- Fachliche Unterstützung in Form von geeigneten Beratungsstellen einholen!
- Niemals über den Kopf des Betroffenen hinweg handeln! Absolute Transparenz und Mitentscheidungsmöglichkeit für den Betroffenen (Was brauchst du? Was hilft dir?).
Im weiteren Verlauf des Seminars vertieften wir Fragestellungen, die sich mit Opfern und Tätern in der eigenen Gruppe, mit der eigenen Rolle und der Intention zu helfen beschäftigten und sprachen über die Grenzen unserer Möglichkeiten.
Dabei erörterten wir auch die Dynamik, die in einer Gruppe entsteht, wenn es zu Beschuldigungen kommt; z.B. Solidarisierungen mit dem Täter, Unverständnis, eigene Betroffenheitsgefühle und Verleugnung der Taten. All das kann die Situation für die Gruppe erschweren und zu Spaltungen führen. Wer auf welche Weise eine Gruppe unterstützen kann, ist nicht pauschal beantwortbar und vor allem abhängig von den Fähigkeiten und den eigenen Gefühlen der Verantwortlichen. Es ist sinnvoll, sich durch eine Fachkraft beraten zu lassen und sie ggf. als Unterstützung hinzu zu ziehen.
Die Abende nutzten wir für Interaktionsübungen zum Thema "meine Grenzen wahrnehmen" und "Gefühle thematisieren". Und selbstverständlich - bei diesem sehr schwierigen Thema für die Psychohygiene außerordentlich wichtig - haben wir zwischendurch auch viel gelacht.
Nach zwei sehr intensiven Tagen gingen wir mit vielen neuen Erkenntnissen und Handlungskompetenzen nach Hause. Angedacht ist, ein solches Vertiefungsseminar im nächsten Jahr wieder anzubieten. Interessenten können sich bereits jetzt gerne in der Jugendbildungsstätte melden.
Unser herzichlicher Danke geht an die
Wellbeining Stiftung und die
Hannah-Stiftung die mit ihrer finanziellen Unterstützung die Fortbildung ermöglicht haben.
Annemarie Selzer (Schlumpf)


