Netzwerktreffen am 21. Januar 2012
Auf den Spuren von Gustav Wyneken und seinem „pädagogischen Eros“
Ein bekanntes Sprichwort sagt: „Wo viel Licht, da auch viel Schatten.“ Deshalb hat es sich der überbündische Arbeitskreis „Schatten der Jugendbewegung“ zur Aufgabe gemacht, neben dem vielen Licht, in dem die Jugendbewegung und ihre rebellischen Wurzeln strahlen, auch die Schatten der Geschichte in Hinblick auf Missbrauch innerhalb der Bünde zu thematisieren. Im Archiv der Ludwigstein schlummerte einiges an wertvollem Material, das der Arbeitskreis im letzten Jahr zu Tage gefördert, sorgfältig geordnet und aufgearbeitet hat. Um ihre Ergebnisse zu präsentieren und der breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hatten die sechs Mitglieder des Arbeitskreises, schlumpf (Jugendbildungsstätte), Bölkes (Zugvogel), Helena (Freischar), Rosé (Archivkurator, Deutsche Gildeschaft), Bo und Holger (DPB), eingeladen.
Etwa zwanzig TeilnehmerInnen aus den Arbeitskreisen (AKs) verschiedener Bünde wie BdP, DWJ und Falado fanden eines verschneiten Samstag im Januar den Weg auf die Burg, gespannt auf das, was sie erwarten sollte. Die ersten zwei Stunden des Treffens wurden darauf verwendet, sich besser kennenzulernen und über die Arbeit innerhalb der AKs und den Bünden gegen Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt zu informieren. Wir erfuhren voneinander, woher wir überhaupt alle kamen, wie lange wir schon aktiv in Bünden unterwegs sind und auch, wie lange wir uns bereits für die Präventionsarbeit einsetzten. Es zeigte sich, dass alte Hasen und Häsinnen auf recht junge Hüpfer stießen und wir alle aus der ganzen Bundesrepublik angereist waren. Danach berichtete jeder AK der Bünde, warum und mit welchem Ziel gegründet wurde, und was bisher geleistet wurde, so beispielsweise Erstellung von Info-Material oder Seminare für GruppenleiterInnen. Spannend dabei war der Beitrag eines „Unbündischen“, der seine Diplomarbeit über den „pädagogischen Eros“ geschrieben hatte, und uns eine wissenschaftliche Sicht auf das Thema näher brachte.
So aufgelockert machten wir uns auf ins Archiv, um der Geschichte auf den Leib zu rücken, mit der Prämisse, dass wir einerseits viel Unschönes erfahren, aber auch Graubereiche des Missbrauchs und der sexualisierten Gewalt kennen lernen würden. Rosé machte den Einstieg mit einem bestätigten Fall eines 1997 wegen Pädophilie und Verbreitung von pornographischen Material verurteilten Bündischen, der zuvor in den 80ern noch – von vielen anderen Bündischen unterstützt – frei gesprochen worden war. Es war der erste Schlag in die Magengrube zu hören, dass offenbar einzelne Mitglieder der an dem Wochenende vertretenen Bünde, ihn damals in Schutz genommen hatten.
Mit Hans Blüher, dem bekanntesten Chronisten der Wandervogelbewegung, und seinem „mann-männlichen Eros“ ging es danach weiter. Nachdem er, das 33. offizielle Mitglied der Steglitzer Wandervögel, zwei Bücher über die Geschichte der Jugendbewegung geschrieben hatte, veröffentlichte er 1912 und 1917 zwei weitere Bücher, die sich mit der „Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen“ und „Der Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft“ beschäftigten. Darin entfaltete er seinen Beitrag zu einer Theorie der mann-männlichen Gesellschaft, in der die „reine Liebe“ nur unter Männern, d.h. jedoch auch die zwischen männlichen, minderjährigen Schutzbefohlenem und Männern zu finden sei. Frauen dienten der Reproduktion, allein die Verbindung zwischen Männern und Jungen, der „mann-männliche Eros“, führte zu höherem wie der Staatswerdung. Gustav Wynekens Bücher und Gedanken, mit denen wir uns daran anschließend auseinandersetzten, stießen in Anschluss an Blühers Gedankengut in eine ähnliche Richtung. Gilt Wyneken manchen als Reformpädagoge und großes Vorbild der Jugendbewegung, so zeugen seine Verurteilung wegen Missbrauchs an Minderjährigen und die Schriften, die er verfasste, für seine pädophile Einstellung. Für Wyneken war die Beziehung zwischen Schutzbefohlenen und männlicher Aufsichtsperson, d.h. beispielsweise zwischen Schüler und Lehrer von „pädadogischem Eros“ geprägt, der über eine grundsätzliche asexuelle Sympathie hinausgeht. Ein paar ungläubige Schnaufer unsererseits machten deutlich, wie wir zu Blühers und Wynekens Ideen standen. Rosé wies darauf hin, dass in den Zeiten von Blüher und Wyneken Homosexualität und Pädophilie gleichsam unter Strafe standen, sodass die Schwulenbewegung nicht von der pädophilen Anschauung scharf zu trennen war und teilweise noch ist. Das verdeutlichte der Auszug aus dem Buch „Und alles wegen der Jungs – Pfadfinderführer und KZ-Häftling: Heinz Dörmer“, in dem der homosexuelle Pfadfinder Dörmer offen über die sexuellen und pädophilen Gepflogenheiten innerhalb der bündischen Szene berichtete.
Als nächstes beschäftigten wir uns mit den Grauzonen der Schatten der Jugendbewegung, d.h. was offiziell legal, jedoch skeptisch zu betrachten ist. Darunter fanden sich freiverkäufliche Bücher mit eindeutig pädophilem Inhalt sowie Kalender, Postkarten etc. mit kritischen Motiven. Nach dem Mittagessen, das uns erste Möglichkeit gab, die Eindrücke auszutauschen, stöberten wir weiter im Material der Grauzone und diskutierten im freien Gespräch über die Grenzen des Legalen. Gegen spätem Nachmittag kamen wir alle zusammen, um das Gesehene und Gehörte in der großen Runde zu besprechen, und Schlüsse daraus zu ziehen. Kontrovers unterhielten wir uns über die mögliche „Verpestung“ der Erinnerungen an die Jugendbewegung. Grundsätzliche Fragen stellten sich, beispielsweise ob und wie umfangreich eine solche Aufarbeitung nötig und möglich ist.
Mit dem Ziel, weiterhin in Kontakt zu bleiben und an einem Netzwerk zu arbeiten, trennten wir uns schließlich. Jede und jeder hatte viele Impulse zur weiteren Arbeit bekommen, sei es in der Prävention, in der Aufarbeitung oder der persönlichen Auseinandersetzung. Insgesamt war das Fazit jedoch trotz des Schreckens, der uns im Archiv überkommen hatte, positiv. Die Führung war informativ, umfassend und offen für Kontroversen. Wer die Chance und den Willen hat, sich mit den Schatten der Jugendbewegung zu beschäftigen, sollte diese auf der Burg Ludwigstein nutzen.
Horrido,
Flora (DWJ)
