Rückblick auf die Meißnernacht 2010
„Aus dem gemeinsamen Tun schöpft unsere Jugend
die Kraft für die Zukunft.“
Ein Bericht von Sebastian Arps (Erbse)
In diesem Jahr war die Meißnernacht ganz dem jugendbewegten Bauen gewidmet. Zum einen machte sich dies an der derzeit wohl größten jugendbewegten Baustelle, dem Enno-Narten-Bau, fest, und zum anderen warfen wir Blicke auf andere bündische Bauprojekte und beschäftigten uns mit der Frage, inwieweit dieses Geschehen zukünftige Entwicklungen im gesellschaftlichen Umfeld anregen kann. Mit der Meißnernacht endete aber auch die lange Sommerbauhütte, bei der sich in diesem Jahr alles um den Dritten Ring drehte. Mit meinem Bericht möchte ich dieses stürmische Herbstwochenende noch einmal Revue passieren lassen. Ich werde das ganze aus dem Blickwinkel meiner Fahrtengruppe wiedergeben und somit auch unsere Gedanken versuchen auszudrücken.
Im Vorwege möchte ich mich - und möchte insbesondere meine Fahrtengruppe sich - für das erlebnisreiche Wochenende auf der Burg bedanken. Schon im letzten Jahr nahmen wir an der Meißnernacht teil und waren daher auch dieses Mal wieder mit von der Partie. Unser Stamm befindet sich im Aufbau, und laufend können wir neue Gesichter für unsere Ideale begeistern. Wer weiß, vielleicht starten wir demnächst auch ein Bauprojekt? Denn aus Platzgründen benötigen wir eigentlich ein neues Heim...
Wir fanden also in den zahlreichen Vorträgen Anregungen, wie wir das ganze angehen könnten.
Freitag
Der Freitag leitete die Meißnernacht in ganz besonderer Weise ein. Viele Jugendbewegte aller Altersklassen, die teilweise extra für das Richtfest angereist waren, feierten gemeinsam und begingen den Beginn der Meißnernacht sehr gebührend. Die bewegenden Reden im Meißnersaal und das ausgelassene Feiern im Anschluss, wovon Ihr auf der
Seite zum Richtfest lesen könnt, setzten dem ganzen die Krone auf. Gemeinsam wurde das Ende der Sommerbauhütte verkündet. Die Blätter hatten sich schon in allen Farben des Herbstes verfärbt, und die ersten frostigen Morgende ließen uns spüren, dass die graue Jahreszeit vor der Tür stand.
Das konnten wir selbst erfahren – die Reden mussten wir aber leider später nachlesen. Denn zu diesem Zeitpunkt steckten wir in Göttingen am Bahnhof fest, da unser nächster Anschlusszug erst am Samstag um vier Uhr morgens fahren sollte. Wir verbrachten die Nacht also damit, an den Enno zu denken und uns darüber zu ärgern, dass wir nicht am Richtfest teilnehmen konnten.
Samstag
Den Rest der Nacht überstanden wir recht gut. Um fünf Uhr morgens fuhr unser Zug in Witzenhausen ein, in dem noch alles zu schlafen schien. Wir entschieden uns, die Strecke bis zur Burg zu laufen, und nach kurzer Orientierungsphase machten wir uns auf. Der Vollmond schien hell und wies uns den Weg zur Burg.
Etwa um 6 Uhr 30 nahm der Verkehr zu. Die ersten Vögel zwitscherten, und kurz bevor wir den Ludwigstein das erste Mal hinter den Baumwipfeln erspähen konnten, krähte der Hahn. Die Burg lag noch im Dornröschenschlaf, und kein Mensch war zu sehen. Wir erreichten sie kurz vor Sonnenaufgang. Erschöpft von der Wanderung und der kurzen Nacht legten wir uns kurz entschlossen in das Kaminzimmer, um wenigstens noch bis zum Frühstück ein wenig Schlaf zu finden.
Lange hielt die Ruhe nicht an, und um kurz vor acht machten wir uns auf den Weg, um wenigstens das Frühstück nicht zu verpassen. Nachdem wir uns für den Tag gestärkt hatten, gingen wir in den Burghof, um gemeinsam mit allen anderen Besuchern der Meißnernacht mit ein paar Liedern und einem anschließenden Morgenkreis den Tag zu begrüßen. Alles Organisatorische klärte sich schnell, und ehe wir uns versahen, fanden wir uns auch schon im Landgrafenzimmer wieder, um dem ersten Vortrag von Wasa zu lauschen. Wasa erzählte uns etwas über die Selbstbauwerkstätten des Max Himmelheber.
Im Anschluss blickten wir auf die Baustelle Burg Ludwigstein und reisten zurück zu vergangenen Bauaktionen. Sinnbildlich dafür stand und steht wohl das Bild, auf dem Hunderte von Jugendbewegten in einer Menschenkette Steine den Burgberg hinauf reichen. Immer einige Jahre vor einem großen Meißnerfest wurde an der Burg der Jugend gebaut - generationsübergreifend von Jung bis Alt. ketscha schilderte uns dies sehr anschaulich und hinterlegte seine Worte mit Bildern und kurzen Aufzeichnungen. Besonders die Zeilen aus seinem Logbuch gefielen uns sehr und ließen Parallelen zu unseren feststellen. Er berichtete uns vom Bau der Straße, die heute den Weg mit dem Auto auf die Burg möglich macht. Er gestaltete sie aktiv mit und schilderte uns viele Eindrücke und Erfahrungen, die er während der vielen Bauhütten, die er besucht hatte, machen konnte.
Im Anschluss daran gingen wir hinunter ins Archiv und betrachteten die kühnen Modelle, die seit dem Erwerb des Ludwigstein durch die Jugendbewegung für den Ausbau der Burg entstanden waren. Danach begaben wir uns zum Essen und ließen die ersten Eindrücke während einer kurzen Mittagspause auf uns wirken.
Nach dem Mittagessen ging es auch gleich weiter - allerdings trennten sich die Wege von mir und meinen Gefährten. Sie waren zu müde, um weiter aufmerksam den Vorträgen zu lauschen. So legten sie sich für ein Paar Stunden hin. Schließlich wollten wir auch noch am Abend die Wanderung vom Meißner zur Burg mitmachen. Also begab ich mich gemeinsam mit allen anderen wieder ins Landgrafenzimmer.
Nun wollten wir unser Augenmerk auf einige Bauprojekte der verschiedenen Bünde richten, beginnend mit dem Bericht von molo über die Burg Waldeck erfuhren wir anschließend noch mehr über den Hohenkrähen. Das Haus der Grauen Reiter hatte dort im vergangenen Sommer einen neuen Dachstuhl bekommen und erstrahlte somit in neuem Glanz. Andreas vom Weinbacher Wandervogel berichtete uns von den Bauprojekten seines Bundes, und die CPD stellte die Arbeiten rund um ihren Bundeshof vor. Bei allen Beispielen wurde uns klar, wie elementar wichtig doch das gemeinsame Bauen und Werken für unsere Jugendbewegung ist. Das Erlebnis draußen, etwas zu erschaffen mit den eigenen Händen. Den Mittelpunkt des Bundes aktiv mit zu gestalten. Ein Teil dessen zu werden, mit dem Material und der Umgebung zu verschmelzen. Von Tag zu Tag die Resultate zu spüren. Ja! Das Weiterkommen zu spüren und unsere Bewegung in Bewegung zu halten. Mit einem Filmbeitrag der Waldjugend schlossen wir die Berichterstattungen der Bünde ab und schauten ganz genau hin.
Außerdem widmeten wir uns auch ganz konkret dem Bauen. Bettina erzählte uns vom Bauen mit Stroh und Lehm und von den Anfängen des Strohballenbaus in Deutschland. Dann befassten wir uns unter der Anleitung von Eva ganz konkret damit, was den Enno so wegweisend macht. Im Anschluss daran ließen wir noch einmal alles Revue passieren und konnten uns von tolus Worten über die Nachhaltigkeit und die Bedeutung für 2013 einfangen lassen. Wir reflektierten den Tag und fanden somit ein schönes Ende der Vortragsrunden.
Nach dem Abendessen wartete noch der Film „Auf der Walz“ auf uns. Er handelte von jungen Handwerksgesellen auf der Wanderschaft. Uns gefiel der Beitrag sehr, und er zeigte sehr gut, aus welchen Motivationen heraus junge Gesellen auf die Walz gehen. Vielleicht ist es auch irgendwann so weit bei mir. Denn wäre es nicht eine Schande, wenn man als bündischer Zimmerergeselle nicht auf die Walz gehen würde? Wenn man aber schon so stark wie ich in seinem Bund verwurzelt und gebunden ist, kann man sich diese drei Jahre und einen Tag kaum leisten. Was wird in dieser Zeit aus meinem Stamm oder gar dem Bund? Diese Fragen schießen mir wie Gewehrkugeln durch den Kopf und lähmen mich einen Moment. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken.
Doch ehe ich mich versehe, sitze ich schon gemeinsam mit allen Meißnerfahrern im Bus. Wir machen uns auf den Weg zum Hohen Meißner.
Meißnernacht
Und wieder einmal heißt es „Sturm bricht los“! Wahrhaftig weht ein starker Wind, leichter Regen setzt ein. Wir sammeln uns am Gedenkstein und beginnen die kurze Feierstunde mit einem Lied. Die anschließenden Worte von Schlumpf dringen tief in uns ein. Sie geben Anregung für tiefsinnige Gespräche und lassen den einen oder anderen nachdenklich werden. Auch mich lähmt der Moment. Da zu stehen auf dem Hohen Meißner, eine bunte Schar von Jugendbewegten um sich. Der anfängliche Fackelschein blendet mich. Ein Strudel droht uns alle in sich verschwinden zu lassen. Die Zeit treibt uns an. Wir finden uns und gehen los.
Der Vollmond ist an diesem Wochenende das Treibende. Obwohl er oft hinter Wolken steht, weist er uns mit seinem kalten Schein den Weg. Wir löschen die Fackeln nach kurzer Zeit und gehen nur mit dem Mondschein. Ein Dämmerzustand! Geistig sind wir jedoch hellwach, arbeiten uns von Wegmarkierung zu Wegmarkierung. Gemeinsam bleiben wir auf dem rechten Pfad.
Meine Gedanken vertiefen sich in Erinnerungen an den Sommer, an unsere Großfahrt nach Ungarn dieses Jahr, an vergangene Fahrten und Dinge, die noch vor mir liegen. Meine Beine gehen von allein, über einzelne Schritte verliere ich keine Gedanken mehr. Der Bewegungsablauf des Wanderns hat sich in mein Gehirn, in meine Seele eingebrannt. Ich bin so vertieft in Gedanken an Fahrten - frei umher zu ziehen ohne Zwänge, nur dem eigenen Gewissen und Gesetz verpflichtet - dass ich einen Moment das Gewicht des gepackten Affen auf meinem Rücken spüre. Doch da ist nichts, kein Affe!
Nächstes Jahr bin ich zehn Jahr in meinem Bund! Ein Etappenziel? - Nein! Kein Ziel! Denn wenn ich eines erreicht hätte, lähmte die Lethargie mich, behinderte mich im Weiterkommen. Nur der Wandel der Zeit trägt mich über die Wege zur Burg.
Meine Gedanken finden sich wieder, und ich sehe die Burg vor meinen Augen. Wir sind da!
Alle finden sich im Gedenkraum ein. Melodien erklingen, Stimmen schwellen an, ich bekomme eine Gänsehaut. Dann einträchtige Ruhe - eine Schweigeminute, und keiner wagt zu atmen. Alle genießen den Moment.
Im Anschluss dann Singerunden. Laut und Leise erklingen unsere Lieder.
Der letzte Augenblick
Wie immer verflüchtigen sich die Meißnerfahrer am Sonntag schneller als gedacht. Dank an dieser Stelle an alle freiwilligen späten Aufräumer. In der Schlussrunde machen viele von der Möglichkeit Gebrauch, ihre Eindrücke zu äußern und Ideen für das kommende Jahr vorzutragen. Schließlich: Herzliche Umarmungen und ein neuer Aufbruch...
Diese Meißnernacht wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Es war die Summe der einträchtigen Momente, die das Wochenende zu etwas ganz besonderem gemacht haben. Ich kann nur allen Interessierten empfehlen, sich im nächsten Jahr auch anzuschließen. Gemeinsam die Wiederkehr des Meißnerfestes von 1913 zu feiern. Mit einem Haufen von Jugendbewegten aus verschiedenen Bünden zusammen zu kommen.
Vielleicht sehen wir uns im nächsten Jahr? Wir würden uns freuen!
…bis zum nächsten Mal auf der Burg der Jugendbewegung.
Dokumente 2010
Vom Bauen in den Bünden
von Prof. Walter Sauer (Wasa)
Werkstattgemeinschaften
von Max Himmelheber
"Wir bauen eine Straße..."
von Frank-D. Pölert (ketscha)
Was ist am Enno nachhaltig?
von Eva Eisenträger
Meißner 2013 - Der Dritte Ring
von Thorsten Ludwig (tolu)



